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stocher - Nachrichten, 22.06.2012 16:00
22. Juni 2012 von Thomas Krammer
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S’ Epple ist 40 – Party startet mit Demo

Nach einem Konzert von „Ton Steine Scherben“, besetzten Jugendliche im Juni 1972 das Haus in der Karlstraße 13. Wenige Monate zuvor erschoss die Polizei nach einer wilden Verfolgungsjagd den 17-Jährigen Richard Epple aus Breitenholz in seinem Auto: Er wollte sich auf einer Spritztour nicht erwischen lassen – die Polizie vermutete einen RAF-Sympathisanten. Der Fall löste Demontrationen in Tübingen aus und machte Epple zu eine art Märtyrer. Seit 40 Jahren heißt das inzwischen deutlich bunter gewordene, Jugendkulturzentrum daher Epplehaus.

Und das wird 40 Stunden am Stück gefeiert aber nicht nur: S’Epple, wie Tübinger ihr Jugendkulturzentrum liebevoll nennen, möchte auch auf die Probleme aufmerksam machen, die selbstverwaltete Einrichtungen, wie diese immer wieder haben. „Ähnliche Projekte und Häuser fallen nicht selten politischer Willkür und (all)gemeiner Ignoranz zum Opfer“, so das Epple-Team im Vorwort des Programms. Ihr „solidarischer Gruß“ gilt darin vor allem jenen selbstverwalteten Projekten, die in ihrer Existenz bedroht sind, allen voran der Zelle im benachbarten Reutlingen. Unter dem Motto „Selbstverwaltete Freiräume tun gut“ beginnt die Geburtstagsveranstaltung daher erst einmal mit einer Tanzdemo – am 22. Juni um 18 Uhr vor der Mensa Wilhelmstraße.

Musikalische Zeit- und Stilreise
Danach wird bis Sonntag früh um 10 Uhr gefeiert: DJs und Bands von Hip Hop über Punk bis Heavy Metal rocken beim „Umsonst und Drinnen und Draußen“ eine Open Air Bühne, den Saal und den Keller des Epplehaus. Mit dabei auch die eine oder andere musikalische Zeitreise. Am Freitag 22. Juni um 21 Uhr gibt es zum Beispiel 40 Jahre Protest-Sounds aus der Konserve. Dabei dürften auch die legenderen „Ton Steine Scherben“ um den längst verstorbenen Rio Reiser wieder zu hören sein. „Deimo & Buster van Socke“, zwei Typen an der Gitarre starten am Samstag 23. Juni um 15.30 ihre Zeitreise in die Folk-, Country- und Rockgeschichte. Neben Klassikern von Bob Dylan und Johnny Cash, spielen sie aber auch eigenen Stücke.

Kämpfe und Konflikte
Parallel zu den Feierlichkeiten widmet sich im ersten Stock ein Ausstellung der Geschichte des Epplehaus. Allerdings „ohne Anspruch auf Vollständigkeit“, so die Macher. Für Generationen junger Menschen war das Epple ein Raum um sich auszuprobieren. „Für die Stadt“, so die Ausstellungsmacher, „scheint das Epplehaus lange Zeit auch eine Art kontrollierter Unruheherd gewesen zu sein. Angehörige missliebiger Randgruppen wurden von ihm angezogen und auch dorthin abgeschoben: Rocker, Punks, Erwerbslose, Drogenabhängige …“. Die Geschichte des Hauses sei geprägt von Konflikten und Kämpfen um Autonomie, ums Überleben und um den Charakter des Hauses. Seit 1978 gibt es den Verein „Jugendzentrum Epplehaus e. V.“. Über einen längeren Zeitraum wurde der Verein durch Sozialpädagogen unterstütz, seit 2004 ist er wieder selbstverwaltet. Zwei Jahrzehnte lang war im Epple auch ein Frauencafé zu Hause. Heute beheimatet das Haus neben dem Verein noch ein Jugendmediencafé und das Jugendkulturbüro. Mit Angeboten rund um die „neuen Medien", will das Café die Medienkompetenz junger Menschen fördern. In Kooperation mit anderen Jugendeinrichtungen und dem Jugendgemeinderat organisiert das Jugendkulturbüro Workshops und andere Veranstaltungen wie Newcomer-Bandwettbewerbe oder das Southside-Battle.

Diskriminierungsfreie Zone
Die Kernphilosophie des Hauses: Unabhängig von der Herkunft, dem sozialen Stand, dem äußerlichen Erscheinungsbild und der sexuellen Orientierung soll Menschen hier ein Raum frei von Diskriminierung geboten werden. Daher wiesen die Verantwortlichen via Facebook explizit darauf hin, dass – trotz Fußball-Europameisterschaft – das Tragen von Nationalsymbolik gleich welcher Nation während der Geburtstagsfeierlichkeiten unerwünscht ist.
Jugendliche mit unterschiedlichsten Interessen sollen sich im Epplehaus auf verschiedenste Weise einbringen können. Es finden Konzerte, Partys, politische Vorträge und Workshops statt. Außerdem bietet das Jugendzentrum einen Proberaum für Bands, eine Holz- und eine Elektrowerkstatt, ein Tonstudio und Räumlichkeiten für Computerkurse und Sportgruppen an.
Aufgabe des Vereins ist es, die Jugendkulturarbeit in Tübingen zu fördern und politische, musikalische und kulturelle Veranstaltungen selbstständig durchzuführen. Derzeit sind im Epplehaus ca. 80 Ehrenamtliche im Alter von 15 bis 30 Jahren aktiv. 2011 gab es in der Karlstraße 13 etwa 140 Veranstaltungen mit insgesamt rund 20.000 Besucherinnen und Besuchern.

INFO
Das Programm „40 Jahre / 40 Stunden Epplehaus“ gibt es unter: http://www.epplehaus.de/


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